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Wie mache ich gute Erklärvideos?

Was macht ein gutes Erklärvideo aus? In einer Metastudie werden fünf Merkmale dargestellt, die einen eindeutig positiven Effekt auf den Lernerfolg versprechen.

In der Metastudie von Findeisen, Horn und Seifried [1] werden 24 Einzelstudien zusammengefasst, die den Lernerfolg von Studierenden messen. Lernerfolg wird in der Regel so definiert, dass durch einen (identischen) Wissenstest vor und nach dem Konsum eines Lernvideos der Wissenszuwachs erfasst wird. Alternativ (oder ergänzend) werden die Lernenden im Verhalten bei der Interaktion mit dem Video beobachtet. Diese Beobachtung kann verschiedene Größen ins Auge fassen, z.B. indem die Richtung und die Verweildauer von Blicken gemessen wird (Eye Tracking) oder das Maß der Interaktion mit dem Video (aktive Steuerung des Videos) gemessen wird. Denkbar sind auch Kombinationen, in dem Quizfragen oder andere interaktive Elemente in den Videoplayer eingebettet werden.

Die erfassten Daten werden dann statistisch ausgewertet. So lassen sich Aussagen darüber machen, welche Merkmale einen positiven Effekt auf das Lernen haben – also welche Merkmale dazu führen, dass ein messbarer Wissenszuwachs oder eine intensive Beschäftigung mit den Lerninhalten des Videos stattfindet.

Findeisen et al. [1] fassen 24 Einzelstudien zusammen, gruppieren die jeweils untersuchten Merkmale und stellen heraus, bei welchen Merkmalen eindeutig positive Effektstärken ermittelt wurden.

Ich möchte die fünf Merkmale für gute Lernvideos an dieser Stelle aufgreifen und kurz kommentieren.

Interaktivität: Don‘t Napflix

Aktives Lernen ist besser als passives Lernen. Ein gutes Lernvideo soll also von interaktiven Elementen begleitet sein. Dazu zählen sowohl vermeintlich triviale Möglichkeiten der Steuerung, also dass Lernende das Video pausieren können, wann immer sie wollen, oder im Video springen können (z.B. durch eine Suchleiste oder einen 10-Sekunden-zurück-Button), aber auch komplexere Möglichkeiten wie Kapitel- oder Sprungmarken, idealerweise begleitet von einem Inhaltsverzeichnis. Hilfreich sind auch Unterbrechungen im Video, durch die eine Aktivität der Lernenden eingefordert wird wie z.B. Quizfragen, die beantwortet werden müssen um das Video weiterzusehen. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob die Frage richtig oder falsch beantwortet wird. Ein gutes Werkzeug, solche interaktiven Elemente zu einem Webvideo hinzuzufügen bietet das Toolkit h5p, das einen umfangreich konfigurierbaren Videoplayer beinhaltet.

Videoperspektive

Für Tutorials oder Demonstrationen, in denen z.B. die Bedienung eines Geräts oder einer Software gezeigt wird, ist die Ich-Perspektive hilfreich. So müssen sich Lernende nicht erst noch in die (räumliche) Lage des Demonstrierenden versetzen und sich das Gerät von der anderen Seite vorstellen. Videotechnisch lässt sich das mit kleinen Actioncams sehr gut umsetzen. Im Hinblick auf 360°-Videos oder Virtual Reality-Anwendungen sehe ich in diesem Bereich enormes Potenzial für den Einsatz von Lernvideos.

Alter der erklärenden Person

Einige der Studien, die Findeisen et al. anführen legen nahe, dass der Lernerfolg beim Konsumieren von Lernvideos steigt, wenn ältere Personen als Erklärende auftreten. Begründet wird dieser Umstand damit, dass Älteren implizit eine höhere Expertise in ihrem Fach zugeschrieben wird. Diese Ergebnisse stehen meines Erachtens nach in starkem Kontrast zum Konzept des Peer-Learning, bei dem Lernende innerhalb ihrer Peer-Group (also meist auch gleichaltrigen) lernen.

Videodauer

Eine der angeführten Studien (Guo et al. 2014, [2]) zeigt, dass nach sechs Minuten die Aufmerksamkeit der Lernenden signifikant einbricht. Das bedeutet, dass Lernvideos nicht länger als sechs Minuten dauern sollten um zum Lernerfolg beitragen zu können. Umfangreichere Inhalte sollten daher besser in kürzere Segmente aufgebrochen werden, sodass jeweils ein Kerngedanke pro Video vermittelt wird.

Design

Lernvideos sollten visuell ansprechend gestaltet sein. Diese Empfehlung aus der Metastudie ist sicherlich diejenige, die am schwierigsten konkret zu fassen ist, da Ästhetik immer im Auge des Betrachters liegt. Die Argumentation dahinter ist hingegen leicht nachvollziehbar: Gutes Design führt zu positiven Emotionen beim Betrachten, durch die wiederum eine höhere Motivation entsteht. Eine hohe Motivation, Lerninhalte zu bearbeiten resultiert dann in einer verbesserten Lernleistung.

Daher scheint es sinnvoll, sich bei der Gestaltung von Lernvideos mit professionellen Grafikern und Videomachern zusammenzutun und/oder sich an visuellen Trends zu orientieren. Bei Letzterem sollte man darauf achten, dass die Nachhaltigkeit des Lernvideos nicht zu sehr beeinträchtigt wird, sollte ein visueller Trend nur von kurzer Dauer sein.

Zusammenfassung

Alles in allem liefert die Metastudie von Findeisen et al. [1] gute Empfehlungen für die Gestaltung von Lern- oder Erklärvideos, die empirisch nachgewiesen sind. Welchen Effekt erhöhte Wiedergabegeschwindigkeiten von Videos auf die Lernleistung haben, wird in keiner der angeführten Untersuchungen betrachtet. Hier liefert Nahagama [3] Hinweise, dass eine 1,5-fache Geschwindigkeit durchaus lernförderlich ist. Leider fehlen in dieser wie in zahlreichen anderen Studien Verweise auf die für die Untersuchung herangezogenen Videos, sodass deren didaktische Gestaltung im Verborgenen bleibt.

In aller Kürze lassen sich die Empfehlungen für gute Erklärvideos so zusammenfassen:

  • Videos interaktiv gestalten: Durch Steuerungsmöglichkeiten, Kapitelmarken und eingebettete Quizfragen
  • Bei Tutorials oder Demonstrationen die Ich-Perspektive verwenden
  • Ausgewiesene Experten als Erklärende vor der Kamera sprechen lassen 
  • Videos sollten nicht länger als sechs Minuten dauern
  • Grafisch und Ästhetisch ansprechende visuelle Elemente benutzen  

Literatur

[1] Findeisen, Stefanie, Sebastian Horn, und Jürgen Seifried. 2019. „Lernen durch Videos – Empirische Befunde zur Gestaltung von Erklärvideos“. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Oktober, 16–36. https://doi.org/10.21240/mpaed/00/2019.10.01.X.

[2] Guo, Philip J., Juho Kim, und Rob Rubin. 2014. „How Video Production Affects Student Engagement: An Empirical Study of MOOC Videos“. In Proceedings of the First ACM Conference on Learning @ Scale Conference – L@S ’14, 41–50. Atlanta, Georgia, USA: ACM Press. https://doi.org/10.1145/2556325.2566239.

[3] Nagahama, Toru, und Yusuke Morita. 2017. „Effect Analysis of Playback Speed for Lecture Video Including Instructor Images“, Nr. 1: 9.

Titelbild: „Kamera im Spiegel“ (CC BY 2.0) by david.lohner


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1 Kommentar

  1. Mariola
    Mariola 4. Dezember 2019

    Sehr gute Tipps! Werde bei meinen nächsten online Kurs auf jeden Fall anwenden. Es hat mir dein Vortrag im Lübeck bei BarCamp 2019 sehr gut gefallen. Viele Grüße aus Kiel !

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