Dieser Text ist ein Redemanuskript für meinen Vortrag im Rahmen des EPICUR.talks vom 04.05.2021


Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen: Wie wäre es, wenn mehrere Universitäten zeitgleich dasselbe Seminar anbieten und sich Studierende standortübergreifend zum dazu vernetzen?

Im Wintersemester 2019/20, also bereits vor der Corona-Pandemie,  haben einige Kollegen und ich genau das gemacht – und davon möchte ich heute berichten.

Mein Name ist David Lohner, ich arbeite und promoviere am Karlsruher Institut für Technologie in der Pädagogik und hatte schon immer großen Spaß daran, anderen Dinge beizubringen. 

Über L2D2

Das Seminar, über das ich heute sprechen möchte, nennt sich „Lehren und Lernen unter den Bedingungen von Digitalisierung und Digitalität“ – kurz L2D2 – und ist aus einer Twitter-Unterhaltung entstanden. Christian Albrecht von der FAU Erlangen-Nürnberg stellte in einem Tweet die Frage, ob ein universtitätsübergreifendes Seminar im Bereich der Mediendidaktik ein spannendes Projekt sein könnte. Auf diesen Tweet haben sich einige Personen gemeldet, die am Ende dann auch das Dozenten-Team war.

Was den Titel des Seminars angeht: Eine phonetische Ähnlichkeit zum Namen eines kleinen Droiden einer berühmten Weltraum-Saga ist nicht von der Hand zu weisen, einen tieferen Sinn dahinter gibt es aber nicht. Denn die Abkürzung L2D2 steht insbesondere für die Unterscheidung der Begriffe Digitalisierung und Digitalität: Während mit dem Begriff Digitalisierung gemeinhin den Leitmedienwechsel vom Buch zum Computer beschreibt, charakterisiert Digitalität die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Der Prozess der Digitalisierung und die mit ihm verbundenen komplexen Technologien ermöglichen es immer mehr Menschen, auf vielfältige Art und Weise an kulturellen Auseinandersetzungen partizipieren zu können. 

Wenn wir digitale Medien nicht nur als Werkzeug oder Instrumente des Lehrens und Lernens verstehen, sondern auch und insbesondere ihre kulturprägenden und disruptiven Auswirkungen betrachten wollen, hat dies für den Bildungsdiskurs weitreichende Konsequenzen:

 Diskussionen über Digitalisierung und Bildung dürfen nicht länger um Überlegungen zur Ausstattung der Schulen und Universitäten mit Soft- und Hardware und deren Mehrwert kreisen. Sie müssen den kulturellen Veränderungen im Zeichen der Digitalisierung Rechnung tragen. Wir müssen alte Handlungs- und Denkmuster kritisch hinterfragen und überlegen, wie wir die Auswirkungen des digitalen Wandels konstruktiv nutzen können!

Diesem Anspruch versucht das hier skizzierte Seminar zu entsprechen.

Inhalte von L2D2

Der Seminarplan im Wintersemester 2019/20 folgte einer Linie vom Generellen ins Spezielle: Zu Beginn haben wir grundlegende Konzepte vorgestellt, wie Lehr- und Lernszenarien funktionieren und welche Veränderungen durch eine zunehmende Computerisierung und Mediatisierung der gesellschaftlichen Strukturen eintreten. Der Transformationsprozess von einer Buchdruck- in eine Computergesellschaft betrifft Bildungskontexte in besonderer Weise, da diese sich durch ein komplexes Zusammenspiel von Information und sozialer Interaktion auszeichnen. Beide Aspekte unterliegen durch die Digitalisierung enormen Veränderungen: Informationen liegen in digitaler Form vor und sind somit zeitlich und räumlich nahezu unbegrenzt flexibel abruf- und einsetzbar. Interaktionen können virtualisiert werden und sind ebenfalls nicht mehr nur an zeitliche und räumliche Nähe gebunden.

Weiter werden im Seminar unterschiedliche Kompetenzmodelle für digitale Kompetenz oder Medienkompetenz behandelt, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten beleuchtet und erörtert, wie die Modelle jeweils in der pädagogischen Praxis angewendet werden können; darunter das Dagstuhl-Dreieck, der Kompetenzrahmen DigiCompEdu, Modelle zur medienpädagogischen Kompetenz und das Strategiepapier „Bildung in einer digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz in Deutschland.

In weiteren Sitzung sammeln und analysieren die Studierenden zahlreiche Argumente für und wider den Einsatz digitaler Medien in der Schule oder konkrete Methoden digital gestützter Bildungskontexte wie den Einsatz von Erklärvideos und diskutieren diese. Gerade durch die Zusammensetzung der Gesamtgruppe aller Standorte ergeben sich hierbei Einblicke in die Perspektiven unterschiedlicher Fächer und Disziplinen. Auch eine Einführung in grundlegende Kenntnisse der Informationstechnologien werden mithilfe eines Selbstlernmoduls über Algorithmen vermittelt. Der Transfer der online erarbeiteten Inhalte in die Lebenswelt der Studierenden erfolgt in den Präsenzphasen.

Für alle Sitzungen sind Lernziele formuliert, die auf unterschiedlichen Stufen der Lernzieltaxonomien nach Bloom angesiedelt sind. Insgesamt soll den Studierenden gezeigt werden, wie vielschichtig der Einsatz digitaler Medien für Bildungszwecke sein kann, welche Faktoren dabei zu beachten sind und wie sich Lehr-Lernprozesse unter den Bedingungen der Digitalisierung und Digitalität grundlegend verändern. Da die Zielgruppe hauptsächlich Studierende des Lehramts sind, haben die Themen besondere Relevanz, sofern sie unmittelbar auf Unterrichtssituationen anwendbar sind, die den Studierenden beispielsweise im Schulpraktikum und insbesondere im späteren Berufsleben begegnen werden.

Wie wir vorgegangen sind

Wir als Dozenten-Team haben uns in einigen Videokonferenzen – damals noch ohne Zoom, Microsoft Teams oder anderen „modernen“ Tools, sondern dem heute etwas altmodisch anmutenden AdobeConnect verbunden, um einen Seminarplan auszuarbeiten. Die entstehenden Sitzungspläne sowie Lehr- und Lernmaterialien des Seminars haben wir als Open Educational Ressources (OER) konzipiert, um eine einfache Weiternutzung zu ermöglichen. Um sich über Fragen aus den unterschiedlichen fachlichen Disziplinen interdisziplinär austauschen zu können, kommunizieren und kollaborieren alle Teilnehmenden – Lehrend und Studierende – über webbasierte Instant-Messaging-Dienste, Social Media, Webkonferenzen und File-Sharing-Dienste. In jeder Seminarsitzung finden Phasen des internen sowie des hochschulübergreifenden Arbeitens statt:

Im Vorfeld zu jeder Sitzung werden Materialien und Aufgaben online durch die Seminarleitungen der jeweiligen Standorte für die Studierenden bereitgestellt. Zusätzlich bereitet eine Person aus dem Dozenten-Team für jeweils eine der spezifischen Sitzung einen medial ausgestalteten Input vor, z. B. Webinare, Erklärvideos oder Selbstlerneinheiten.

Die Studierenden diskutierten im Rahmen des Seminars mithilfe verschiedener Kommunikations- und Kollaborationstools und speisen die Ergebnisse in Form von Fragen und Impulsen in die öffentliche, außeruniversitäre Diskussion auf Twitter unter dem Hashtag #L2D2 ein. 

Gerade der Austausch über Twitter ermöglicht es den Studierenden, auch direkt mit den Autoren der rezipierten Werke zu kommunizieren – nie in unserer Geschichte waren Experten so einfach und direkt in Bildungsprozesse einzubinden, wie es durch die Neuen Medien möglich ist.  

Die Phasen des standortübergreifenden Austauschs zielen auf das Aufgreifen und Weiterdenken von Problemen oder Feststellungen aus den jeweiligen Sitzungen ab. Auf diese Weise erhalten die Studierenden Einblick in die Arbeitsergebnisse der anderen Standorte und setzten sich kritisch mit diesen auseinander. So werden die räumlichen Grenzen des eigenen Studienortes aller Seminarteilnehmenden aufgelöst und gehen im Digitalen auf, sodass das Lernszenario Kompetenzen fördert, die in einschlägigen Modellen für Medienkompetenz geschildert sind; nicht nur, indem sie Thema des Seminars sind, sondern insbesondere dadurch, dass sie dem hochschulübergreifenden Format inhärent sind und so die Seminarteilnehmer*innen auf ihre berufliche Zukunft in einer zunehmend vernetzten Welt vorbereitet.

Rückmeldung der Studierenden

Die Evaluation des Seminars durch die Studierenden zeigt, dass sowohl die Inhalte als auch das Format von L2D2 insgesamt positiv aufgenommen wurden. Der größte Kritikpunkt, der von den Studierenden hervorgebracht wurde, betrifft den Umfang der genutzten Tools für die technische Umsetzung des Seminars. Die Zahl der verwendeten digitalen Tools sei zu hoch gewesen – und zusätzlich für einen Großteil der Studierenden neu, sodass sie sich erst in neue Software einarbeiten mussten. Zusätzlich zum jeweils hochschuleigenen Learning Management System kamen in L2D2 folgende Tools zum Einsatz: Twitter für einen öffentlichen Austausch; Adobe Connect für synchrone Kommunikation; Slack für Koordination der Gruppenarbeiten, Google Docs für die kollaborative Erstellung von Dokumenten; Padlet zum Sammeln von kleinen Beiträgen in Diskussionen. Dazu kamen noch spezielle Tools für einzelne Sitzungen, bspw. zur Analyse von Erklärvideos.

Insgesamt kann aus den Erfahrungen, die im Wintersemester 2019/20 mit dem universitätsübergreifenden, virtuell vernetzten Lehrexperiment „L2D2 – Lehren und Lernen unter den Bedingungen von Digitalisierung und Digitalität“ gemacht wurden, abgeleitet werden, dass eine solche Lehrveranstaltung erfolgreich durchgeführt werden kann. Wichtig ist dabei, dass die technische Umsetzung für Lehrende und insbesondere die Studierenden nicht überfordernd ist und zielgerichtet erfolgt. Zu vermuten ist jedoch auch, dass mit zunehmender Erfahrung die Technik „unsichtbar“ und mit größerer Selbstverständlichkeit eingesetzt werden wird, als dies bei der ersten Durchführung des Seminars mit eher unerfahrenen Studierenden der Fall war. 

Lessons Learned

Leider konnten wir das Seminar in genau dieser Form bislang noch nicht wiederholen, da die Corona-Pandemie uns mehr Arbeit abverlangte als üblich und die Koordination eines solchen hochschulübergreifenden Seminars sehr zeitintensiv ist. Gerade die Routine bei der Nutzung digitaler Tools hat sich in den vergangenen zwei Semestern massiv verändert  – bei uns allen, denke ich.

Allerdings konnte ich am KIT in der Lehramtsausbildung das Seminar weiterentwickeln und die Kernelemente – nämlich die Inhalte und den Austausch über Twitter – fortführen. 

Festhalten lässt sich aber in jedem Fall, dass solche kooperativen Projekte vor allem eines erfordern: viel Zeit. Und die ist im Alltag an der Hochschule leider nicht immer für die Lehre vorgesehen. Daher appelliere ich an Sie alle: Wenn Sie die Möglichkeit für ein solches Projekt haben, nehmen Sie sich die Zeit dafür! Daraus können ganz neue Impulse für die eigene Arbeit und die eigene Forschung entstehen, man kann durch solche Projekte Netzwerke aufbauen und – das zeigt mein Vortrag heute hier – ein ganz neues Publikum für seine Arbeit gewinnen.

L2D2 war nicht nur für die Studierenden eine neue Erfahrung, auch wir im Dozenten-Team sind an dem Seminar gewachsen – war es doch eine ideale Übung für die Lehre unter den Bedingungen der Corona-Pandemie. Seine eigene Lehre zu öffnen, von und mit Kollegen aus unterschiedlichen Hochschulen zu lernen ist sehr inspirierend. Man bekommt mit, womit sich Kollegen fachlich beschäftigen, wie sie lehren – auf ganz intime Art und Weise, weil man gewissermaßen live dabei ist. Kein Handbuch und kein Konferenz-Vortrag kann diese Erfahrung ersetzen.

Für L2D2 bietet sich speziell die Möglichkeit, durch die öffentliche Vernetzung über Twitter auch externe Impulse einzuholen und Seminar-interne Diskussionen in der digitalen Öffentlichkeit weiterzuführen. Eine enge Kooperation der Dozierenden untereinander ist dabei genauso wichtig wie eine detaillierte Planung der Inhalte. Diese können zwar modular zusammengesetzt sein und auf den Lehr- und Forschungsexpertisen der beteiligten Dozierenden basieren, sie sollten aber dennoch so aufeinander abgestimmt sein, dass sich für die Lehrveranstaltung ein stimmiges Gesamtbild ergibt. 

Insgesamt können unterschiedliche Schwerpunkte einzelner Standorte als Vorteil für die Gesamtgruppe ausgespielt werden, sodass ein universtitätsübergreifendes Seminar wie L2D2 von der Synergie der vielfältigen Perspektiven nur profitieren kann.

Ausblick

Was bedeuten diese Erfahrungen als für meine Lehre? Und vielleicht auch für die Lehre, die Sie an ihren jeweiligen Universitäten anbieten?

Ich denke, dass man daraus vor allem ableiten kann, dass wir im Jahre 2021 nicht mehr darüber nachdenken sollten, ob wir die digitalen Medien in unsere Lehre einbinden. Die Frage sollte lauten: WIE wir das machen. Es ist nicht abzustreiten, dass gerade die sozialen Medien Teil der Lebenswirklichkeit unserer Studierender sind. Warum sollten wir diesen Umstand nicht also auch für die Lehre nutzbar machen? Gerade der Aspekt, dass man sich sehr schnell international mit Experten austauschen kann ist ein enormer Vorteil. Wir können und sollten auf das Wissen anderer zurückgreifen, um unseren Studierenden eine bestmögliche Bildung zu ermöglichen. 

Auch, dass wir gemeinsam mit anderen Lehren sehe ich als eine konsequente Weiterentwicklung von Lehre an. Wir sind so gezwungen, selbst über unsere Inhalte und Methoden nachzudenken und zu sprechen – bevor wir damit in den Hörsaal gehen. Dadurch werden Ziele klarer, Prozesse transparenter. Wir sollten den Studierenden vorleben, wie Zusammenarbeit auch in akademischen Kontexten funktionieren kann. Denn schließlich bereiten wir sie auf eine Welt vor, die immer komplexer wird und es zunehmend unrealistisch ist, dass man ganz allein ein Projekt bearbeitet oder ein Problem bewältigt. 

Dadurch verändert sich aber auch das Rollenverständnis, das wir von uns haben. Wir sind nicht länger die Hüter des Wissens – bis auf wenig ausnahmen wird es immer jemanden geben, der über eine Sache besser, umfassender oder länger Bescheid weiß. Wir müssen uns im Seminarraum als diejenigen verstehen, die das Wissen der Welt für unsere Studierenden arrangieren. Um es mit einer Metapher auszudrücken: Wir sind keine One-Man-Band, wir sind die Dirigenten, die das für unsere Studierenden eine Sinfonie des Wissens orchestriert.

Meine Kollegen und ich haben das bereits vor zwei Jahren begonnen und die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass es für solche Ansätze inzwischen mehr als genug technische Lösungen gibt. Es ist jetzt an uns, die nötigen Konzepte zu entwickeln und uns darüber klar zu werden, dass es einen Kulturwandel braucht: Wir müssen der Lehre einen höheren Stellenwert einräumen, denn solche Konzepte umzusetzen IST aufwendig und zeitintensiv.

In diesem Sinne fordere ich Sie alle dazu auf, offen mit den Neuen Medien umzugehen. Wagen Sie Neues, um selbst wieder zum Lerner zu werden – dirigieren sie nicht nur, hören Sie auch zu! 

Vielen Dank.


Dieser Beitrag basiert auf dem Beitrag „Kollaboration lehren und lernen: das Lehrexperiment L2D2” von David Lohner, Sarah Stumpf, Christian Albrecht und Torben Mau, der am 15.07.2020 auf dem Blog des Hochschulforum Digitalisierung unter der Lizenz CC-BY-SA erschienen ist.