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Monatsnotiz Juni 2022 – oder: Mal wieder Notizen

Der Juni stand ganz unter den Vorzeichen meines Notizsystems. Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich seit über anderthalb Jahren darüber nachdenke, welche Bedeutung Notizen für Personen wie mich, die in der Wissenschaft tätig sind, haben.

Hintergrund

Über die Zeit sind nun mehrere Dinge geschehen, die mich immer weiter in dieses Thema hineingezogen haben. Nach dem Blogbeitrag Notizen für Wissensarbeiter:innen habe ich das Buch Das Zettelkasten-Prinzip von Sönke Ahrens gelesen. Meine Erkenntnisse daraus sind zuerst in eine kurze Coffee Lecture am KIT geflossen. Einige Zeit später habe ich diese Gedanken weiter mit meinen Kenntnissen zum Thema Forschungsdatenmanagement verheiratet und diese in einem Vortrag/Workshop bei studiumdigitale der Goethe-Uni Frankfurt präsentiert.
Danach kam ein kleines Schreibprojekt zu dem Thema, das in Kürze als Kapitel zum Thema Digital Notieren und Schreiben im Ratgeber Wissenschaftliches Schreiben in den MINT-Fächern (bei utb) erscheinen wird. Leider ist noch nicht klar, wann das sein wird, der Termin („Sommer 2022“) wurde bisher schon mehrfach nach hinten korrigiert. Jüngst biete ich einen Workshop (erneut bei studiumdigitale) an, in dem es um die digitale Organisation von Wissen (aka Notizen) geht. Das Thema ist und bleibt (für mich zumindest) also aktuell.

Personal Knowledge Management

Ich nahm das zum Anlass, mich weiter mit meinem eigenen Notizsystem auseinanderzusetzen und es zu einem Personal Knowledge Management-System, kurz PKM, auszubauen. Ein PKM ist weit mehr als nur eine Sammlung an Notizen. Man könnte ein PKM als Evolution des Luhmann’schen Zettelkasten betrachten: Durch die Verknüpfung einzelner Notizen entsteht ein externalisiertes Gedächtnis, ein „second brain“ oder – wie Luhmann sagte – ein Gesprächspartner.
Über so genannte „Maps of Content“, kurz MOCs, können verschieden Notizen, die über bestimmte Parameter in Zusammenhang stehen, dargestellt werden und ermöglichen so das Erkunden und Finden neuer Verknüpfungen. Oder dienen als Übersicht über größere Themenkomplexe, sodass die Navigation innerhalb der Notizen vereinfacht wird. In einem PKM verschmelzen lexikalisches und persönliches Wissen, ich halte darin sowohl Definitionen (z. B. aus der Wikipedia) fest als auch Gesprächsnotizen, Informationen über meine Hard- und Software, Rezepte und plane darin meine Lehrveranstaltungen.
Diese Fülle an verschiedenen Themenbereichen und Notizen birgt die Gefahr, dass das alles ab einem unbestimmten Zeitpunkt zu unübersichtlich wird, dass das Signal-Rausch-Verhältnis zu groß wird. Und obwohl ich (gemessen an anderen PKMs) „nur“ etwa 700 Notizen in meinem System hatte, war ich langsam an dem Punkt. Mit fehlte ein System, das ordentlich skaliert und mit meinem Wissen mitwachsen kann.

Linking Your Thinking

Da ich schon seit Längerem die Tutorials und insbesondere die Interview-Reihe von Nick Milo auf YouTube rund um meine Wahl-Software Obsidian verfolge, habe ich mich dazu entschlossen, mich im Workshop von Linking Your Thinking (LYT) einzuschreiben. Das Investment in meine eigenen Fähigkeiten scheint mir den (zugegebenermaßen recht hohen) Preis zu legitimieren.
Ich hatte von Nick bereits die Obsidian Flight School gebucht, die zunächst nur auf eine möglichst effiziente Bedienung von Obsidian abzielt. Dieser Kurs besteht aus zahlreichen Videos, die in ein rein textbasiertes, gamifiziertes Lernerlebnis eingebunden sind. Allein des Formats wegen kommen Mediendidaktiker wie ich dort auf ihre Kosten; hinzu kommt der Nerd-Faktor ausgewählter Beispiele und Referenzen auf popkulturelle Phänomene.

Der Workshop, den ich nun besuche, deckt zahlreiche Aspekte des Aufbaus eines PKMs ab: Von den grundlegenden Ideen, wie und weshalb sich ein PKM lohnen kann über Hinweise (und viele Übungen), wie man dem Notieren an sich mehr Aufmerksamkeit und Wert schenkt bis hin zu ausgefeilten Methoden, auch sehr große Notizsammlungen übersichtlich zu gestalten. Dazu – und das ist das wichtigste Element des Kurses – Methoden und Strategien, wie man aus seinen eigenen Notizen, also dem eigenen Wissen neue Ideen generiert werden können. Nick Milo nennt dieses Konzept in seinem LYT-Workshop Idea Emergence. Dieser Begriff zeigt, dass ein PKM mehr ist als nur ein persönliches Lexikon. Es ist ein Ort, an dem neue Gedanken entstehen und reifen können – die dann wiederum Erkenntnisse bringen.

Lesetipp

Parallel zu dem Onlinekurs bin ich auf das Buch The Science of Managing Our Digital Stuff von Ofer Bergman and Steve Whittaker gestoßen. Die beiden Wissenschaftler haben sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Studien mit Personal Information Management (kurz PIM) beschäftigt. Hierbei geht es vornehmlich um die Verwaltung von Informationen aus E-Mails, Dokumenten und Büchern/wissenschaftlichen Artikeln, weniger um die Integration eigenen (Alltags-)Wissens.
Viele der Einblicke sind für mich deshalb so interessant, weil sie sich meist doch unmittelbar auf (m)ein PKM übertragen lassen.

Zwischenfazit

Der Onlinekurs läuft noch ein paar Wochen, das Buch habe ich auch noch nicht durch. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass ich mich ein wenig ärgere, all diese Prozesse meiner eigenen Wissensorganisation nicht schon früher angestoßen zu haben. Gleichzeitig bin ich froh, endlich ein wenig Struktur in mein Denken und Handeln diesbezüglich zu bringen, die mir (hoffentlich!) langfristig erhalten bleibt.

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