Fazit DI-Day: Videokonferenzen
Meine Eindrücke von OpenTalk und ein paar Gedanken zu Videokonferenz-Tools nach meiner Einladung zum gemeinsamen Testen am vergangenen DI-Day.
Ich habe sehr spontan zum 1. digitalen Unabhängigkeitstag eine Einladung zum Testen alternativer (genauer: eines) alternativen Videokonferenz-Tools ausgesprochen. Der Beitrag auf Mastodon ging fast schon viral, es war mit einer der Posts von mir mit den meisten Interaktionen. Wir haben also die Plattform OpenTalk.eu getestet. Da auf Mastodon einige Nachfragen kamen, wie der Test nun verlief, hier ein paar Antworten – und weiterführende Gedanken, die andere Konversationsstränge nach der ursprünglichen Einladung aufgreifen.
Wie der Test lief
Technisch ist Open Talk eine stabile Lösung, die über den inzwischen recht robusten WebRTC-Standard läuft. Es gab bei den gut 30 Teilnehmenden keine nennenswerten Ruckler, Aussetzer oder Fehler, die durch die Software an sich begründet scheinen. Das für jedes Online-Meeting obligatorische „Du bist noch gemutet!“ ist ja in erster Linie ein Bedienfehler – und hat (fast) nichts mit der technischen Plattform zu tun.
Das User-Interface von OpenTalk ist, wenn man von Teams und Zoom kommt, etwas gewöhnungsbedürftig, aber nicht unkonventionell oder irritierend. Die Selbstansicht ist in einer linken Seitenspalte, darunter die Bedienelemente für Mikrofon, Kamera, Bildschirm teilen etc. Darunter gesellen sich der Chat und die Teilnehmendenliste in die Seitenspalte, der größte Teil des Browserfensters ist für die bis zu neun Videokacheln vorgesehen. Sinnvoll für Videomeetings. Allerdings: nicht so sinnvoll für die Moderation.
Auf meinem kleinen 13"-Bildschirm ist schnell wenig Raum für einen schnellen Überblick über die Liste der Teilnehmenden. Auch die – gerade für die Moderation – wichtigen Buttons für „Teilnehmer:in muten“ oder „Teilnehmer:innenliste nach gehobenen Händen sortieren“ musste ich erst suchen. Ja, ich hätte mich besser vorbereiten können, vorher üben. Allerdings ist mein Anspruch an ein solches Tool, möglichst intuitiv bedienbar zu sein. Das hat OpenTalk in dem Moment unseres Tests für mich leider nicht geschafft.
Im Meeting selbst wurde gefragt, wo denn die „Reactions“ zu finden seien, um Referent:innen schnelles Feedback geben zu können: Daumen hoch, Applaus, schneller/langsamer bitte und so. Gibt es bei OpenTalk nicht. Der Chat könnte ebenfalls kompakter gestaltet sein (zumindest auf kleinen Bildschirmen). Und die Kolleg:innen, die ein großes Setup mit mehreren Monitoren und/oder sogar Teleprompter haben, stören sich am UI in einem (einzigen!) Browserfenster. Man kann einzelne Videokacheln zwar aus dem Fenster auskoppeln, aber Moderationswerkzeuge und Teilnehmer:innenliste oder Chat in separate Fenster schieben ist derzeit nicht möglich.
Was OpenTalk einzigartig macht
Was OpenTalk von den gängigen Tools, die mir bekannt sind, abhebt, sind einige sehr hilfreiche Funktionen. Ich muss hier allerdings voranstellen, dass ich diese Funktionen nicht alle vollumfänglich getestet habe oder testen konnte. Möglicherweise, weil sie vorrangig (ausschließlich?) mit registrierten Nutzer:innen in meinem Admin-Account funktionieren. Diese „Unter-Benutzer“ müssen separat lizenziert werden, was pro Nutzer mit einem monatlichen Preisschild daherkommt. Dennoch möchte ich einige dieser Features hervorheben:
Der Redestab ist ein sehr sinnvolles Tool für größere Meetings, um zu verhindern, dass alle durcheinanderreden. Man kann Redezeiten festlegen und den virtuellen Stab reihum geben. Teilnehmer:innen müssen nach Erhalt des Stabes ihr Mikrofon aktivieren und haben dann entweder die definierte Zeit zu sprechen, oder geben den Stab früher (oder direkt) weiter. Nachteil (in unserem Test): Der aktive Redestab hat den Chat deaktiviert, sodass eine parallele, textbasierte Kommunikation nicht möglich war. Ein Teilnehmer konnte sich während der Redestab-Runde auch direkt un-muten und lossprechen. Ob das so im Sinne des Erfinders ist?
Direkt im Meeting können sowohl ein manuelles Protokoll als Etherpad als auch ein Whiteboard mit Excalidraw eingebunden werden. Absolut lobenswert ist, dass OpenTalk hier keine eigenbrötlerische Lösung gebastelt hat, sondern auf etablierte Open-Source-Tools setzt und sie sinnvoll einbindet. Im Etherpad können – wie beschrieben – nur registrierte Nutzer:innen schreiben, das Whiteboard konnte auch von allen Gast-User:innen gefüllt werden.
Außerdem erlaubt OpenTalk es, im Meeting nicht nur Umfragen (wie in fast jedem anderen Tool) durchzuführen, sondern auch Abstimmungen abzuhalten. Letzteres scheint hauptsächlich dann sinnvoll, wenn man OpenTalk im Verein oder für die politische Arbeit (wie z. B. das Land Schleswig-Holstein) verwendet.
Alle zusätzlichen Features (Protokoll, Whiteboard, vermutlich auch die Abstimmungsergebnisse) werden im Admin-Dashboard dokumentiert und als PDFs abgespeichert, es lässt sich auch für Schulungszwecke ein automatisches Anwesenheitsprotokoll führen. Ansonsten gibt es in OpenTalk keine KI-Integrationen, die z. B. alles Gesagte transkribieren und automatisch zusammenfassen. Diese Abwesenheit von Funktionen stört in der FOSS-Community vermutlich ohnehin niemanden, oder sie wird sogar als Vorteil gesehen.
Mein persönliches Fazit
Mir gefällt OpenTalk wirklich gut. Mit den genannten Features hebt es sich von den etablierten Platzhirschen im Bereich Videokonferenzen ab, setzt durchweg auf offene Standards (habe ich schon erwähnt, dass man OpenTalk – Hardware und Know-How vorausgesetzt – auch on-premise hosten kann, wie z. B. bei talk.tchncs.de? Nimm das, Zoom!) und ermöglicht ein weitgehend reibungsfreies Konferenz-Erlebnis zu fairen Preisen, die es im Vergleich zu den weit verbreiteten Anbietern attraktiv erscheinen lassen.
Für den von mir getesteten Einsatzzweck ist OpenTalk leider nicht geeignet. Zu frickelig sind die Moderationsfunktionen. Leider kann ich in Meetings einem Gast-User nicht mal eben schnell Moderationsrechte vergeben. Wer regelmäßige Sessions mit wechselnden Referent:innen-Teams organisiert, vermisst dieses Feature schmerzlich. Natürlich könnte ich dazu weitere Accountlizenzen kaufen, aber dann müsste ich jedes Mal das Kennwort weitergeben und im Anschluss wieder ändern. Das ist mehr Aufwand, als ich betreiben möchte. Und so geht die Suche weiter …
Was im Fediverse noch besprochen wurde
Wie versprochen hier zwei Hinweise zu weiteren Themen, die nach meiner Einladung im Fediverse angesprochen wurden:
- Weitere Alternativen wie zum Beispiel BigBlueButton, das gemeinhin als etwas träge angesehen wird, scheinen technisch aufzuholen, wie @defnull@chaos.social hier schildert.
- @nSonic@toet.cafe hat angemerkt, dass MS Teams (das ich in meiner Einladung erwähnt habe) ja nicht nur ein Tool für Videokonferenzen ist, sondern eine ganze Kommunikations-Suite inkl. Chatnachrichten, Telefonie-Ersatz (ohne Video), integriertem Kalender und überhaupt – wie der Name schon sagt – für die Organisation von Teams verwendet werden kann/soll.
Diese horizontale Integration weiterer Dienste bringt für Nutzer:innen Komfort, stellt i. d. R. auch reibungsfreie Arbeitsabläufe sicher, aber kommt mit der Bindung an einen einzelnen Anbieter, also genau der Abhängigkeit, gegen die sich Initiativen wie der DI-Day positionieren. Ich bin kein Fan solcher Integrationen. Für mich gehören auch Kalender, E-Mails und Tasklisten in drei separate Tools. Vielleicht bin ich auch nur altmodisch.
Der nächste DI-Day steht schon im Kalender (am 1. Februar.) – mal sehen, was ich mir dann vornehme.